Mit Reggaemusik auf Zeitreise
Plötzlich muss ich an Reggae denken. Mitten in der Adventszeit, so kurz vorm Fest. Und dabei wollte ich mich doch besinnen und das bald vergangene Jahr nochmals wie einen romantischen Film am inneren Auge vorüberziehen lassen, dazu melodisch unkomplizerte Klänge summen. Von mir aus auch gern mit Gebimmel und Gebammel.
Reggae-Sounds aber stecken voller belebender Offbeats, und es ist eine Musik zum Chillen. Sie funktioniert vor allem dann, wenn die Sonne knallt und du Zeit hast, dir in einer entschleunigten Phase des Tages eine Auszeit mit zwei Handvoll Nichtstun zu gönnen. Wie schon gesagt, chillen eben.
Reggae-Musik ist okay, sie löst bei mir nur immer eine Zeitreise aus. Wenn ich allein den Hauch eines wohltemperierten Tones aus irgendeiner Reggae-Nummer höre, verspanne ich mich, blicke nicht
nur zwölf Monate zurück, sondern werde sofort hineingeworfen in jenes Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990, das stark von Reggae-Musik umspielt und vor allem von denkwürdigen politischen,
gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen geprägt wurde. Ich sage nur: Latzhosen in Lila, Bio-Läden und Mundart-Pop.
Zack, schon passiert, schon setze ich zur Landung an und befinde mich in etwa am Beginn der 1980er-Jahre und in einer weltbekannten deutschen Domstadt, wo sich offensichtlich etwas Wortgewaltiges
und Weltbewegendes zusammenbraut. Niedeken und Heuser, ein Sänger und ein Major, greifen fleißig zu Stift und Klampfe und ersinnen mit ihren Getreuen und unter dem Namen BAP allerliebste Lieder
op Kölsch, die aber bereits nach einem millionsten Millimeter Wegstrecke außerhalb der Stadttore schon kein Mensch mehr versteht. Trotzdem werden sie einfach so quer durch die noch nicht
wiedervereinigte Republik mit geträllert: Do küss mir so vür, als wenn de ussjestopp wöörs. Hä?
Diese lokal sprachliche Offensive aus dem Reich der rheinischen Jecken war aber erst der Anfang, denn plötzlich rückten auch die Bajuwaren an, schickten mit Nicki und Haindling und der Spider
Murphy Gang gleich mehrere Vorposten in die Schlacht um die Publikumsgunst. Dicht gefolgt von den Österreichern, Falco und die Erste Allgemeine Verunsicherung seien da genannt. In der Mitte der
Republik trafen sie schließlich auf weitere kampfesmutige und dialektkundige junge Menschen jeglichen Geschlechts, die aus der Pfalz, aus Hessen, aus Schwaben, aus Westfalen, dem Saarland oder
aus Niedersachsen stammten. Und die aus noch ungewöhnlicheren Kehl-, Zisch-, Brunft-, Grummel- oder Gurgellauten archaisch anmutende Sätze bilden konnten und sie keck auf ihren Stimmbändern
tanzen ließen. Na, das war vielleicht ein babylonisches Sängerstreiten! (...)
Die komplette Kurzgeschichte ist auf meinem You-Tube-Kanal als Hörfassung verfügbar. Bitte hier klicken. Die Story stammt aus meinem Buch Rock Around The Tannenbaum. Erhältlich ist das Buch (Print und E-Book) online und natürlich auch im stationären Buchhandel.