Eine haarsträubende Geschichte
Dieser Tage besuche ich regelmäßig eine Friseurin meines Vertrauens. Und seitdem ihre professionelle Kunstfertigkeit sowie das ein oder andere Wunderelixier meine Haare in Form bringen, habe ich den Eindruck, dass sie – trotz meines fortgeschrittenen Alters – offensichtlich gesünder und vor allem, dass sie sogar schneller wachsen.
Früher dauerte das viel länger bei mir mit der Länge, die – wie ich herausfand – oft abhängig von der Größe der Familie und der Liberalität des Elternhauses war. Einzelkinder zogen zumeist die
Arschkarte und wurden ziemlich oft zwangsgepflegt von diebisch grinsenden Scheren-schwingern in den klassischen Damen- und Herren-Salons, die nur einen Style für Jungs kannten und ihn auch
gnadenlos ausführten: den Kurzhaarschnitt des Typs „Englischer Rasen“. Lebte noch ein älterer Bruder zu Hause oder eine Schwester, entschieden die Zweitgeborenen die Auseinandersetzungen meist
für sich, und deren Matte wuchs und wuchs und gab zudem auch noch, je nach Pubertätsstadium, breiten Backenkoteletten Raum, wie sie der Blueser Alexis Corner trug oder der ewige Summertime-Rocker
Mungo Jerry oder Noddy Holder, der Schreihals von Slade.
Zwar war ich ein Zweitgeborener, doch meine Matte wuchs aus hormonellen Gründen nun mal nicht in dem Maße, wie ich es mir erträumte. Somit blieben mir häufige Besuche beim Friseur erspart. Und
das war auch gut so, denn ich mochte sie nicht, die fiesen Glatzenschneider. Was ich viel lieber mochte, war laute Musik. Genauer, die Kombination: lange Haare und laute Musik. Gerne hätte ich es
gesehen, wären meine Haare so gewachsen, wie meine Lieblingsmusik in jenen Tagen klang: nämlich wild. Und zwar so wild, wie die Songs auf den LPs von Alice Cooper, Atomic Rooster und Uriah Heep:
„School`s Out“, „In Hearing Of“ und „Demons And Wizards“. Ich kannte nur die Singles, School’s Out, Devil’s Answer und Easy Livin‘, und ich hatte die Auftritte der Bands, beziehungsweise die
Filmeinspieler, in der „disco“ gesehen. Phänomenal!
Wesentlich bemerkenswerter waren für mich jedoch die Freakfahnen der musizierenden Kerle. Über die Ohrläppchen hinweg bis fast hinunter zur Kniekehle wehten sie zottelig, strähnig, bindfadendünn, kräftig, lockig, fettig, dauergewellt, fusselig, toupiert und von der Farbenpalette her von schneeweiß bis pechschwarz im Wind. Herrlich! (...)
Die komplette Kurzgeschichte ist auf meinem You-Tube-Kanal als Hörfassung verfügbar. Bitte hier klicken. Die Story stammt aus meinem Buch Mir brennen die Schläfen. Erhältlich ist das Buch (Print und E-Book) online und natürlich auch im stationären Buchhandel.