Downtown


Sagte ich schon, dass ich die 1990er-Jahre ohne Petula Clark nicht überstanden hätte? Nun, ihr warmherziger Song sorgte dafür, dass ich in dieser für mich turbulenten Zeit meine Leichtigkeit behielt. Denn bevor ich mich über irgendetwas aufregen konnte, nahm mich Petula entschlossen an die Hand, ging mit mir Downtown und wir bummelten gemeinsam an den bunten Schaufenstern entlang. Das war erholsam und schön.

 

Das Wiedervereinigungs-Jahrzehnt bescherte uns Konflikte und Kriege, die „Traumhochzeit“ mit Linda de Mol, ein virtuelles Küken als Freizeitspaß, Last-Minute-Urlaube, die „Diddl“-Maus, den „Grünen Punkt“, auch das „Arschgeweih“-Tattoo. Mehr erinnere ich nicht mehr. Ach doch, da gab’s noch die zwei Hampelmänner, die als Milli Vanilli berühmt wurden. Die grauenhafte Kombination aus Radlerhose und Schulterpolstersakko, die die Jungs trugen, und die Tatsache, dass das Duo nur so tat, als würde es singen, passte gut ins Bild dieser komischen Dekade, die nicht nur modisch geschmacklos daherkam und klangschöpferisch überwiegend von replizierten Spice Girls und gestylten Backstreet Boys beherrscht wurde.

 

Die überschaubare Anzahl an Bands, die noch ein paar Spurenelemente von Rocksounds in ihre Songs streuten, ist schnell aufgezählt: Oasis, Pearl Jam, Nirvana, Soundgarten und die krachig-lauten Frauen von Hole und L7. Die spannendsten Songs dieser Bands passten bei mir auf eine Cassettenseite, so dass ich auf der anderen meinen ewigen Lieblingssong Downtown mehrmals hintereinander drauf spielen konnte. Der Song ist uralt und hat nichts mit Rock oder so zu tun. Es ist nur ein liebenswürdiger Song mit einer lieblichen Melodie, der über die Vorteile des trubeligen Stadtlebens berichtet, das dich auf andere Gedanken bringt, wenn du dich fremd, einsam und verlassen fühlst. Es ist im Übrigen einer der ganz wenigen Songs, mit dessen Text ich mich ausnahmsweise mal näher beschäftigt hatte.

 

Damals verbrachte ich viel Zeit damit, Cassetten zu reparieren, weil der Recorder im Auto viel zu oft für Bandsalat sorgte. Ich brauchte aber diesen Song an meiner Seite, denn damals war ich sehr oft on the road. Der Beruf eines Redakteurs kann abwechslungsreicher nicht sein, wenn du beispielsweise für eine TV-Zeitschrift an den Start gehst und Schauspieler-Interviews, Hintergrundberichte oder Drehort-Reportagen zu deinem Broterwerb gehören. Du lernst unendlich viele Menschen, Städte und Hotels kennen, drückst dich in unzähligen Produktionsstudios in München, Amsterdam, Duisburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Mainz oder Wiesbaden herum und hast dann irgendwann die Nase voll von den Abgedrehtheiten etlicher Film- und Fernsehschaffenden, die da vor oder hinter der Kamera agieren, über Programm-Vielfalt und Programm-Verantwortung schwadronieren, dabei aber nur quotenorientiertes und formatiertes Kasperletheater im Kopf haben. (...)

 

 

Die komplette Kurzgeschichte ist auf meinem You-Tube-Kanal als Hörfassung verfügbar. Bitte hier klicken. Die Story stammt aus meinem Buch Mir brennen die Schläfen. Erhältlich ist das Buch (Print und E-Book) online und natürlich auch im stationären Buchhandel.