Mir brennen die Schläfen

 

   Was hat Zeitungen austragen mit Popmusik hö­ren zu tun? In meinem Fall eine ganze Menge, denn so verdiente ich mir das Geld, um mir die Lang­spielplat­ten kaufen zu können, die mir gut ge­fielen. Und da das eine ganze Menge waren, die ich unbe­dingt besitzen wollte, über­nahm ich auch Urlaubs- und Krankenvertretungen. Aus den Ge­schichten des versoffenen Un­derground-Literaten Charles Bukowski, der eine ganze Weile haupt­beruflich als Postbote arbei­tete, wusste ich, dass Briefezusteller oftmals von Frauen für eine schnelle Nummer ins Haus gezerrt wurden. Warum also nicht auch Zeitungsboten?

 

   Bukowski tat seinen Job in der Millionenstadt Los Angeles, ich für ein paar Jahre im einwoh­ner­mäßig überschaubarem sauerländischen Bleche und in den Ortschaften drumherum. Vielleicht war’s die falsche Gegend, vielleicht war’s die falsche Zeit – mir blieben Lieb­schaftsaben­teuer dieser Art ver­wehrt. Wenn mir überhaupt jemand in aller Herr­gottsfrühe die Tür öffnete, dann war’s ein Mann in Eile, der mir beim Spurt zur Ga­rage die Zeitung aus der Hand riss und irgendetwas von Wiedermal ganz schön spät heute murmelte. Ich legte Bukowski einstweilen beiseite und entwickelte dafür eine Vorliebe fürs exzessive Lesen von Zeitungsarti­keln. Es sind vor allem die abseitigen Geschehnisse des Alltags, die mich interessieren und faszinie­ren. Unter Überschriften wie „Aufgespießt“, „Kurz no­tiert“, „Auch das noch“, „Nicht von dieser Welt“, „Aus dem Leben“ oder „Das Letzte“ tummeln sich außergewöhnliche Er­kenntnisse, anekdoti­sche No­tizen und atemberaubende Unglaublichkeiten. Die Meldungen kommen ebenso bunt gewürfelt daher wie Schokolinsen in einer Familienpackung, und sie sorgen stets für köstliche Unterhaltung.

  

   In einer Umfrage, die das Rasur-Verhalten bun­desrepublikanischer Männer zum Thema hat, lese ich, dass sich die Herren dieser Tage von ihrer Scham-, Achsel-, Brust- oder Rückenbehaarung radikal befreien. Offensichtlich sorge dieser Mode­trend dafür, dass Frauen beim Anblick solch ge­rupfter Hähne eine heftige Gänsehaut bekommen. Wie auch immer man deren emotionale Erregung deuten mag: Schlimmsten­falls werden wohl Killer­instinkte geweckt, und dann geht’s vielleicht so zu wie im Fall der amerikanischen Studentin, die ihren Freund beim rüden Sexspiel erst mit der Ketten­säge gekitzelt, ihn dann aus dem Stand blut­rünstig und Stück für Stück gemeuchelt hat. Aber so rich­tig: Beine ab, Arme ab, Kopf ab. Da hat’s auch nicht geholfen, dass die beiden sich vorab mit mechani­schen Stimmungsaufhel­lern wie Dildos und Vibratoren, deren Material-In­halts­stoffe allesamt nicht aus Tierpro­dukten stammten, penetriert hatten. Aber ja doch, sowas gibt es wirk­lich: veganes Sex­spielzeug! Kondome und Gleitgel und Fesseln und Peitschen – eben alles mit ohne Butter, Käse, Eier oder Milch. Ein wahrlich um­weltbewusstes Pärchen. Ich vermute mal dies: die Kettensäge lief mit Bio-Diesel.

 

   Ich amüsiere mich, ich grusele mich, aber ich rege mich nicht mehr auf. Das habe ich da­mals ge­tan. Nachdem ich die Musik meiner tollen Platten bald im Schlaf singen konnte und ich mich neu ori­entieren wollte, robbten sich die 1980er-Jahre heran, nach denen sich laut einer Stu­die 47 Prozent der Deutschen zurücksehnen. Kann ich nicht ver­stehen, war doch für mich dieses Jahrzehnt ein ein­ziges großes Ärgernis. Vor allem wegen der Musik. Nachdem ich etliche Pop-Videos mit adretten Menschen und keimfreier Musik goutiert und auch alle wesentlichen Gitar­renrock-, Fun-, Syn­thie-, Gothic-, New Roman­tic- und sonstige Indie-Sounds, auch die von Bau­haus, den Cocteau Twins, Siouxsie & The Banshees, The Sisters Of Mercy und so weiter, durch­gehört hatte, gab’s für mich nichts mehr zu entdecken. Daher war’s konsequent, dem Musikhö­ren und dem Plattenkauf abzu­schwö­ren und mein Portfolio an Zeitungsabonnements um wei­tere Titel zu erweitern. Auch heute noch be­schäftige ich mich lie­ber mit hitze­resistenten Bärtier­chen, einem japanischen Deo-Unterhosen-Erfinder oder einer Pferde­bremse, die nach der US-Sängerin Beyonce Know­les benannt wurde, und finde es beispiels­weise gut, dass die Schweden ein „Mu­seum des Schei­terns“ ihr Eigen nen­nen, das lus­tige wirtschaftliche Miss­erfolge wie die Lasagne von Colgate oder die Pepsi Crystal, eine durch­sich­tige Cola, für die Nachwelt kulturhis­torisch aufbe­reitet hat.

 

   Ziemlich regelmäßig kommt Benny vorbei, ein Freund aus alten Ta­gen, der nur noch durchs In­ternet jagt und sich dort alles Mögliche an Mu­sik herauszerrt, was er damals nicht erwi­schen und nicht kaufen konnte oder einfach verpasst hat. Sein digitales Archiv ist immens, es wird von Tag zu Tag umfangreicher. Ich müsse doch ganz bestimmt und unbe­dingt dieses hören und jenes, denn die Musik von damals klinge doch heute erst richtig gut und sei ihrer Zeit auch weit voraus gewesen und so weiter. Für rund vier Stunden bin ich dann noch mal 12 oder 18 oder 25 Jahre alt oder älter. Wir rühren dann im kalt gewordenen Kaffee der Klan­galchemisten herum, reden über ungewöhnliche Kollaborationen, überflüs­sige Reunions oder obs­kure Avant­garde-Mucke. Ich bewundere ihn für seine Ausdauer, sich nochmals durch den kom­pletten Cure-Katalog hin­durch zu quälen oder das Phänomen Michael Jackson analysieren zu wol­len.

 

   Wenn er gegangen ist, dann brennen mir die Schläfen, dann sitze ich jedes Mal da mit schmer­zendem, aufgeblähtem Schädel, in dem für die nächsten Stunden Memoiren und Musik aus den vergangenen Dekaden raumgreifend rotieren. Ich lasse es zu, denn aufgrund meines um­fangrei­chen Artikelarchivs bin ich jederzeit in der glücklichen Lage, die Ge­schwindigkeit meines Ge­dankenkarus­sells rund um die Rock- und Pop-Klänge zunächst ein wenig zu drosseln, um es dann vollends leer laufen lassen zu können. Den kurz­weiligen Neuig­keiten sei Dank, die da Son­derbares über Termiten, die zum Schutz ihrer Kolonie Selbstmord-Attentate begehen, vermelden oder einen holländischen Wis­senschaftler porträtieren, der beheizbare Radwege fordert oder über den Greisenmord in einem Lu­xusappartement berichten, in dem eine 92-jährige ihren 98-jährigen Ehemann erschlägt und nur we­nige Mi­nuten danach, vor lauter Aufregung über ihre Bluttat, an einem Herzin­farkt verstirbt.

 

   Zwar werden durch die Lektüre meine Erinne­rungen an musikalische Glücksstunden, Extra­va­ganzen oder Zumutungen nicht komplett über­schrieben, aber meine konzentrierte Lese­wut sorgt dafür, dass sie immer­hin für eine Weile außer Kraft gesetzt werden. Eine vollständige Loslösung aller­dings gelingt mir leider nie. Jetzt lese ich gerade die Meldung über den Wilderer, der im US-Staat Mis­souri für die unerlaubte Jagd von Hun­derten Rehen verurteilt wurde und für ein Jahr in den Knast wandern wird. Als besondere Strafe müsse der Mann zusätzlich mindestens einmal im Monat den Disney-Filmklassiker „Bambi“ gucken. Schon schweife ich ab und male mir aus, dass das doch mal eine ange­messene Sanktion für jene Jagdfrevler wäre, die der Rockhistorie jede Menge Songs und Sounds entreißen, sie gna­den­los erlegen und ge­fühlskalt zerlegen, um sie dem Hörer schließlich als originelle Neuinterpre­ta­tion unter­zujubeln. Diese Strauchdiebe sollten dazu verdon­nert wer­den, ebenfalls einmal im Monat und über einen langen Zeitraum hinweg solchen Typen wie Brian Jones, Chuck Berry, Paul McCartney, Buddy Holly, Jimi Hendrix, Elvis Presley, Gene Vincent, Brian Wil­son, Keith Richards, Muddy Waters oder Syd Bar­rett zuhören zu müssen. Diese Jungs haben sich einst für ihre Sache kräftig den Arsch aufgerissen und ihre Musik für uns rundum auf den Punkt ge­bracht.

 

   Apropos Arsch. Ich sitze auf dem Klo, halte den Kopf in den Händen, um den Druck auf die Schlä­fen ein wenig abzumildern. Später werde ich mir mit vorgewärmten Klopapier den Hintern abwi­schen. Das war so gar nicht beabsichtigt. Die tief­gründige Grübelei während meiner Sitzung dau­erte aber länger und ich vergaß dabei völlig, die Rolle von der Heizung herunterzu­nehmen. Jetzt ist das Papier, übrigens 4-lagiges Tissue-Papier, sehr ange­nehm temperiert. Und was soll ich sagen: Es fühlt sich ver­dammt gut an.